Zwangsarbeiter in Kettwig 1940-45
Unmittelbar nach Beginn des 2. Weltkriegs 1939 fand die zweite Ausschreibung für den Stauseebau "Kettwiger See" statt. Baulose wurden an folgende Firmen vergeben:Friedrich Rempke, Hagen, für das AbschlussbauwerkWilhelm Hirdes, Herne, für die UnterwasserregulierungPaul Pielhau, Andernach, für die Arbeiten im StauseebereichDortmunder Union-Brückenbau-AG für die Wehr- und SchleusenverschlüsseKrupp-Stahlbau, Rheinhausen, für den eisernen Brückenüberbau undMaschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG, Gustavsburg für die Rückpumpen.
Hugo FRANZ vom Ruhrverband Essen hob 1950 in seinem Bericht hervor:
1. Da bei den genannten Firmen mit Kriegsausbruch keine Arbeitskräfte zur Verfügung standen,mussten diese "aus dem Ausland und später durch Fachkräfte aus den Reihen der Kriegsgefangenen, die sich freiwillig gemeldet hatten..."gewonnen werden.
2. 1941 waren nahezu 300 Mann eingesetzt, "die in einem mustergültig eingerichteten Lager untergebacht wurden." Es handelte sich um Haus Ruhrtal (Montebruch) östlich der Eisenbahnbrücke, das vorher RAD-Lager gewesen war.
3. "Dabei kam uns die Überzeugung der fremden Arbeitskräfte zustatten, dass es sich bei den Bauarbeiten um kein kriegswichtiges Unternehmen handelte." (soweit Hugo FRANZ).
In der gleichen Schrift von 1950 werden die Todesopfer beim Stauseebau genannt: zwei Deutsche bei Firmen in Herne und Essen, der Pole Stanislaus Meltscharek(s.u.) und der Franzose Roland Cordelle, beide bei Rempke-Hagen beschäftigt.
Auf dem Kettwiger Ehrenfriedhof sind außer Stanislaus Mielczarek (1890-19.9.1940) einund-zwanzig erwachsene Ausländer mit Todesdaten bis 29.4.45 beigesetzt. Am gleichen Tag wie Stanislaus Mielczarek starb Viktor Marczewski (*1907). Am 8.11.40 starben wieder zwei Arbeiter: Stefan Hlinaric und Ante Baricevic (Jg.1897 und 98). Am 28.1.41 starb Walenty Lewandowski (*1890), am 1.11.41 Piotr Lukaszcyk (*1904), am 18.2.43 Iwan Mecha(*1925), am 25.7.43 Anna Pianytschik(*1924) am 20.9.43 Jan Hrutkai (*1906), am 8.1.44 Wladimir Pilatowa (*1883) , am 5.3.44 Eleji Martines (*1926) und Marija Poljakowa (*1908), am 19.5.44.Wladimir Samotkin (*1927), am 4.7.44 Gregor Trofimenko (*1925), am 13.3.45 Nikolaj Schablja(*1886), am gleichen Tag vier Deutsche, am 14.3.45 Iwan Bitschko(*1888), am gleichen Tag ein Deutscher, am 4.4.45 Jefrosine Jaczewa (*1903), am 7.4.45 Anna Kostina (*1917), am 11.4.45 Soja Somanskaja (*1925). Nach dem Ende der Kampfhandlungen starben am 15.4.45 Stanislaw Stefranek (*1881), am 23.4.45 Demian Dserzenky (*1881) und am 29.4.45. Anna Honenko (*1884).
Die mehrfachen Todesfälle am 19.9.40, 8.11.40, 5.3.44 und 13/14.3.45 sollten für uns Anlass sein, nach Ursachen (Betriebsunfälle oder Bombenkrieg) zu fragen und die Daten in die Stadt-geschichte aufzunehmen. Die Daten der Bombenabwürfe auf Kettwig müssen wir noch ermitteln; zunächst ist es jetzt vordringlich, zu fragen, welche der genannten Toten Zwangs-arbeiter waren und in welchem Umfang Zwangsarbeiter beim Stauseebau eingesetzt wurden, denn die unter 1-3 genannten Tatsachen nach Hugo FRANZ 1950 beschönigen sicher die Verhältnisse.
Im Kettwiger Telefonbuch 1944 sind mit Bau- und Konstruktionsbüros oder Niederlassungen vertreten die Firmen Paul Pielhau (Andernach) "Baustelle Stausee", Friedrich Rempke mit "Baustelle Stausee" und "Wohnlager Ruhrtal,Werdener Str.46", Fried.Krupp mit Außenstellen in der Ruhrstraße, im Wichernsaal, in der Fichteschule, in der Brücker Schule, in der Ringstraße und in "Bahnhofstr. 15". Die Organisation Todt, damals August-Thyssen-Str.13 Schloss Landsberg, wird als "Dienststelle des Baubeauftragten"den Arbeitseinsatz von Zwangsarbeitern organisiert haben, konnte aber am Ort sicher keine Zwangsarbeiter beschäftigen. Internierungs- und Gefangenenlager waren 1944/45 die Karrenbergsche Scheune (für Franzosen) und die Albertus-Schule, Ecke Brederbachstraße (für Italiener).
Der Einsatz von Ukrainerinnen in Kettwig ist viel diskutiert worden, vor allem der Tod von einundzwanzig Kindern, die in der Zeit zwischen dem 23.1.44 und 8.9.45 starben und zuerst auf dem kath.Friedhof Essener Straße, dann auf dem Ehrenfriedhof im Stadtwald beigesetzt wurden. Es sind am 23.1.44 Nina Wasilenko(*1940),am 26.7.44 Walja Sklerowa (*4.7.44.),am 13.10.44 Walla Jurjew (*19.3.44), am 15.1.45 Viktor Matmijew (*11.10.44.),am 11.2.45 Elvira Romanowa (*1944),am 22.2.45 Cesauw Golewcz (*?), am23.2.45 Leonit Schabelkow (*1.1.45), am 11.3.45 Wolfgang Toptschy (*12.1.45), am 12.3.45 Iwan Didenko (*23.1.45), am 15.3.45 ...Jerow (*17.12.44), am 20.3.45 Pawl Cinciruk (*1945), am 22.3.45 Halina Marosowa (*14.1.45), am 25.3.45 Luba Dnesterowa (*24.1.45), am 26.3.45 Jussa Kosak (*30.1.45), am 30.3.45 Antoli Kosak (*30.1.45), am 7.4.45 Luba Djahlick (*1945), am 11.4.45 Anna Kriworutschko (*11.4.45)= Tag der Besetzung durch die Amerikaner, danach am 19.4.45 Anna Witkowski (*28.1.45), am 23.4.45 Viktor Wojtyk (*10.6.43), am 24.5.45.Manfred Sidun (*3.5.45) und am 8.9.45 Viktor Sabat (*14.4.45). Im Winter 1943/44 sind überraschend 40 oder 41 Ukrainerinnen dem Scheidtschen Mädchenheim in der Ringstraße zugewiesen worden. Die Frauen hatten Kinder und/oder waren schwanger. Sie sind auf verschiedene Stellen in Kettwig verteilt worden, u.a. in die teilweise leerstehende Gaststätte Köttgen (Ecke Ringstraße/August-Thyssen-Straße), und sie sind nachweislich für die Herstellung von Munition eingesetzt worden, ebenfalls in leerstehenden Hallen bei Rummel (Hagan-Baustoffe), Ruhrmann (die Firma existierte schon 1944 nicht mehr) und in der Tuchfabrik Scheidt.
Am 16.5.1945 wurden die verbliebenen Ausländer in Kettwig registriert: 16 aus Polen, 12 aus der Ukraine, 8 aus Russland, 4 aus Litauen, 1 Franzose, 1 Belgier, 1 Holländer. Von diesen wohnten 12 Ukrainerinnen im "Alten Trotzkopf"(vormals Kellner, Bahnhofstraße). Von den Polen wohnten zwei im Hagan-Werk (Eingang Güterstraße), vier bei Markmann&Moll Weichenbau, (Hintere Güterstraße), vier im Haus Kirchfeldstraße 2 und drei auf Hugenpoet.
Von den Ukrainerinnen, die im Bereich Güterstraße (heute Ecke Ruhrtalstraße) beschäftigt waren, wissen wir, dass ihnen von ihren - bis jetzt unbekannten - Arbeitgebern verboten wurde, bei Luftangriffen die Schutzräume aufzusuchen. Die Frauen, die in der Tuchfabrik Scheidt im Auftrag eines uns unbekannten Rüstungsbetriebs Zünder zusammenschrauben mussten, konnten ihre Kinder an den Arbeitsplatz mitnehmen, und die Scheidt-Arbeiterinnen sorgten für Garnkörbe als Kinderbettchen und Putzwolle als Unterlage und Deckbett. Einer der geflochtenen Garnkästen ist in unserer stadtgeschichtlichen Sammlung zu sehen...
Hunger und Verzweiflung müssen groß gewesen sein unter den Ausländern. Vielleicht ist Hunger die Todesursache der Kinder. Vom verzweifelten Bemühen um Lebensmittel zeugen die vielen Überfälle im Frühsommer 1945, vor allem vom 11.7.45:
"60 Russen fahren mit Lastkraftwagen bei Bommers, Oefte 4, vor und roden 50 Zentner unreife Kartoffeln. Sie nehmen eine Kuh und ein Schwein mit und zahlen 800 Reichsmark."
Die Herkunft der Russen ist unbekannt; in einem Polizeibericht wird ein Lager in Mülheim vermutet. In Kettwig ist es am 5.5.45 zu einem schlimmen Mordfall gekommen:
"Am 5.Mai wurde Nicola Campagna aus Enna in Sizilien mit Spaten und Beil beim Stehlen und Schlachten eines Schafes erschlagen. - Umstand 13"
Die Zwangsarbeit in Kettwig ist bislang noch nicht diskutiert worden. Für die meisten Zwangsarbeiter kommt jede Entschädigung zu spät, und der Kontakt zwischen überlebenden Ukrainerinnen und mitfühlenden Menschen in Kettwig wurde vor 1990 unterbunden. Für dieletzten Überlebenden jener schlimmen Zeit sollte endlich ein angemessener Beitrag erbracht werden.
