Aufklärung und Romantik um 1800 in Kettwig
200 Jahre seit der preussischen Besitzergreifung
Wir haben bereits KPM-Porzellan aus Kettwig, Militärgläser und Verbindungspokale "schwarz-weiß-rot", Orden, Ordensbänder und Kampfspangen aus der Revolution 1848 , aus dem deutsch-dänischen und dem deutsch-oestereichischen Krieg (1864,66) sowie "schwarz-weiß-rot" aus dem Krieg 1870/71, Veteranenmedaillen "Wilhelm I" 1797-1897, eine Kettwiger Veteranenfahne 1894 mit Fahnenschleife der Kettwiger Damen 1898, den Kriegervereinspokal des Tuchfabrikanten Willi Scheidt 1927 (Geschenk von Familie Heinz Laupenmühlen), Militärfotos aus den Nachlässen Drengenburg (Corneliusstraße) und Hartmann und schließlich ein Plakat von der "Burg Hohenzollern" aus dem Jahr 2001
Grundlage unserer Überlegungen ist aber ein Zeitungstext aus dem Jahre 1802 aus Essen: Allgemeine Politische Nachrichten, Essen, Donnerstag 5. August 1802
"Gestern morgen rückten hier 2 Compagnien des Grenadierbataillons von Jechner unter Kommando des Herrn Obrist-Wachtmeisters von Jechner ein und nahmen nicht nur im Namen Ihro Königlicher Majestät von Preußen hiesige Stadt, sondern auch das ganze Hochstift in Besitz" .... Die Archive und Kassen wurden versiegelt und Anschläge des kgl.Patents in Essen, Werden und Elten angeheftet:
"Wir Friedrich Wilhelm III von Gottes Gnaden König von Preussen (hier folgen unzählige Titel des Königs, echte und angemaßte) entbieten den Geistlichen Stiften Essen, Werden und Elten ... unsere königliche Gnade, geneigten Willen und alles Gute.
Gemäß dem Frieden von Luneville vom 9.2.1801 zur Entschädigung der jenseits des Rhein-stroms abgetretenen Landen nehmen wir Besitz von diesen schon bisher Unserer Schutz- und respectiven Landesherrlichkeit unterworfen gewesenen Stiftern zu Essen, Werden und Elten....
Königsberg, 6. Juni 1802 Friedrich Wilhelm III - Haugwitz"
Die Essener und Werdener, insbesondere soweit sie katholisch waren, werden sich nicht über diese Besetzung gefreut haben. Anders war das mit den Kettwigern, die sich schon immer, vor allem seit dem "Großen Kurfürsten", der Unterstützung durch die Brandenburger als Herzöge von Kleve und der Mark sicher sein konnten. Wie sie das mit ihrer Rolle als Untertanen des Abtes von Werden vereinbarten, ist eine spannende Geschichtenfolge, die schon Jan Bart in seinem Kettwig-Buch aufbereitet hat. Der Alte Fritz hat zwar einmal den Tuchfabrikenten Scheidt kräftig geschrubbt, indem er eine Exportförderung ablehnte, aber andrerseits hat er auch der evangelischen Kirche geholfen und ihr das Uhrzifferblatt vermacht, das heute im Essener Rathaus hängt.
Über das Verhältnis der Besatzungsmacht Preußen zu den Bewohnern von Essen oder umgekehrt: von der Sympathie der Essener für Preußen in den Jahren 1802-1806 wird von einem Chronisten aus der Zeit um 1914 nicht viel Gutes berichtet. Es heißt dort aber, sie hätten in der Zeit der französischen Besetzung und des Freiheitskampfes 1813/14 Opferwillen und Todesmut bewiesen. Für die Kettwiger müßten wir aus den Jahren nach 1813 nachweisen können, dass sie sich für die neue, jetzt endgültige Herrschaft Preußens mit einer gewissen Begeisterung entschieden haben, wenn auch vielleicht nicht gerade als begisterte Steuerzahler.
Eine Probe aufs Exempel bringt die Auszählung von 2271 Einträgen (=100) über Taufen in den Kirchenbüchern der Jahre 1803 bis 1822, von denen die Namen der Kinder auf die Zuneigung zur alten oder zur neuen Herrschaft schließen lassen.
Erwartungsgemäß ist kein Vorname aus der Werdener Abteigeschichte dabei, kein Ludger, kein Bernhard, kein Anselm. Unter den Namen des "Alten Reichs" fällt nur die fast konstante Zuneigung zu dem längst begrabenen "Jan Wellem" aus Düsseldorf auf. Dieser pracht- und kunstliebende Fürst lebte um 1700. Sein Denkmal steht vor dem Düsseldorfer Rathaus.
In den Jahren 1803-1822 wurden 123 Kinder aus Kettwig nach ihm benannt, nach dem letzten bergischen Herrscher, Kurfürst Carl Theodor, dagegen nur 10. Damit wurden rund 6 Prozent aller Kettwiger Kinder in diesen Jahren nach der alten Herrschaft benannt, im Gegensatz zu über 16 Prozent nach "Preußen". Hier sind Spitzenreiter Wilhelmine und Wilhelm mit zusammen 163 Namen, dann erst folgt der damalige König Friedrich Wilhelm (vermutlich nicht sein Vorgänger FW II, sondern die Nummer III), nach dem 162 Kinder benannt wurden. Weit abgeschlagen folgen die 36 Fritz/Friederike, und die edle Königin Luise ist in jenen Jahren einfach noch kein Objekt der Verehrung, denn auf Louisa/Louise/Luise entfallen nur 14 Namensgebungen. Insgesamt sind 375 Kinder (16,5 %) nach Preußen benannt worden. Dabei ist interessant, dass Friedrich Wilhelm die meisten Sympathien findet in den Jahren 1814/15/16, 33 Kinder in 3 Jahren, - dagegen werden im Jahr der Karlsbader Beschlüsse, 1819, nur drei Kinder auf seinen Namen getauft.
Als Besatzer von Essen traten im Jahr 1802 Grenadiere des Obristwachtmeisters von Jechner auf; für Werden und Kettwig müssten wir nachprüfen, ob hier die gleichen Soldaten einmarschierten . Jedenfalls trifft nicht zu, dass der berühmte spätere Feldmarschall Leberecht von Blücher dabei war. Erst im April 1806 wird sein Name für Werden genannt. Blücher hatte damals das Kommando in Münster, und als die "Essener Stadtobrigkeit" am 4.4.1806 den Übergang der Macht an den neuen bergischen Großherzog Joachim Murat nicht mitmachen wollte, rückten preußische Truppen erst in Essen, dann aber auch Blüchersche Husaren in das ehemalige Stift Werden ein. Sie mußten in Werden über die Stadtmauer steigen und die Tore von innen öffnen.Von dort heißt es: "Die Herren Offiziere der beyden Mächte leben dort seit der Zeit auf dem freundschaftlichsten Fuß" (Essener.Zeitung (Q ?) 6.4.1806). Was in den gleichen Tagen in Kettwig geschah, wissen wir nicht, zumal Kettwig weder Stadtmauer noch Tore hatte, im Gegensatz zu unserer "alten Landeshauptstadt" Werden.
Unsere Preußen-Ausstellung wurde ergänzt durch Leihgaben des HVV (Kaiserbilder) und eine blauseidene Preußenfahne von 1868 aus dem Bestand "Liedertafel". Wir erweitern die Schau im Jahr 2003 mit dem Thema Säkularisation des Klosters Werden , anschließend bis 2006 fortlaufend zum Thema "Napoleon".
Kurt Denz: Ein Liebesbrief aus Kettwig nach Belgien
Unser Freund und Mitarbeiter Kurt Denz, vormals in der Werdener Straße, jetzt in Wachtberg bei Bonn, ersteigerte auf einer Auktion einen französischen Liebesbrief aus Kettwig, der un- datiert ist ( Zeit Napoleons) und trotz vorhandenen Umschlags keinen Absender nennt. Der Briefstil ist typisch für Empfindsamkeit und Romantik um 1800:
Fräulein Fanni Godin bei ihrem Herrn Vater in Hodimont, Departement de l'Ourthe: Kettwig, Sonntag-abend:
4 Sols, Einschreiben über Cölln.
Nichts kam mir unendlicher vor, meine liebe Fanni. Getrennt von der Liebsten unter allen meinen Freunden, verfolgt von einer grausamen Trennung bis zu unerträglicher Melancholie, habe ich bis zu diesem Augenblick nicht aufgehört, nach Dir zu seufzen, nach dem süßen Augenblick, da ich mit Dir sprechen konnte. Ich hoffte, mit diesem Gespräch Erleichterung von großer Traurigkeit zu finden und ich bin in dieser Hoff-nung nicht enttäuscht worden. Ich bin wirklich fröhlicher geworden und fühle mich wohler. Kurz, ich erlebe jetzt den ersten angenehmen Augenblick seit meiner Abreise aus Hodimont. Was wird mir, meine Geliebte, während sechswöchiger Abwesenheit passieren, ohne Dich zu sehen - wenn schon die letzten drei Tage, da ich Dich nicht sah, mich so unglücklich machen.
Ach, meine angebetete Fanni, es gibt sicher keinen Ausdruck des Gefühls, um Dir meine Traurigkeit zu beschreiben. Ich weiß nicht, meine Heißgeliebte, was Du jetzt denkst und tust in diesem Augenblick. Denkst Du an Deinen Freund ? Ich hoffe es, aber ich wage es nicht zu glauben. Ist es nicht der Fall, so wäre Undankbarkeit für mich völlig unmöglich. Es gibt keinen Augenblick, den ich nicht, meine liebe Fanni, opfern wollte, um mit Dir zu sprechen und Dich im Geiste innig zu umarmen, meine gute Fanni. Du wirst, meine ich, nicht im geringsten daran zweifeln, denn Du kennst meine Liebe zu Dir. Sie ist eine sichere Grundlage dafür, dass Du Dich ständig mit meinen Gedanken beschäftigst.
Adieu, meine liebe Fanni. Ich umarme Dich ganz zart und verlasse Dich nun mit großem Bedauern. Aber der halbe Tag, den ich mit meinem Onkel verbringen muss, zwingt mich zu dem Abschied. Wir werden morgen abreisen. Ich werde Dir sicher aus Erfurt schreiben und vielleicht sogar noch, bevor wir dort ankommen. Aber ich schmeichle mir, dass Du gleiches tun wirst und Deine Versprechungen wahr machst, mir oft zu schreiben. Du weißt gar nicht, wie mich Deine Zeilen bezaubern.
Dein getreuer und stetiger Freund.
Adieu, liebe kleine Frau. Mach es gut und denk an mich !
Dieser Brief gibt einige Rätsel auf, indem der Schreiber auf den Zwang verweist, einen halben Tag bei seinem Onkel (in Kettwig ?) bleiben zu müssen und dann nach Erfurt zu reisen. Wir wissen, dass um 1800 enge Beziehungen zwischen Kettwig und der Wallonie mit den Tuchmachern von Verviers in Ostbelgien entstanden. Hodimont liegt bei Verviers. Schon vorher war Wasseige aus Lüttich im Erzbergbau von Selbeck-Lintorf tätig gewesen und hatte dort um 1750 die erste Dampfmaschine aufgestellt. Wir finden in Kettwig 1803 den Ziegel-bäcker Worle, den Tuchmacher Ladereng (Ladrain, Landraint) , den Anstreicher Martines, eine Frau Loran und einen Renier Lejeune, dessen Witwe den Joh.Ad.Winterberg 1804 heiratet, 1811 Pickave aus Hückeswagen, 1821 die Witwe Gillet und vor 1850 den "Fienspenner" Lemaitre, der in der deutsch-belgischen Wirtschaftsgeschichte von SEELING genannt wird.
Die Museumsfreunde suchen Belege zur Geschichte dieser Familien.
