Auswanderung
Die Kettwiger Museums- und Geschichtsfreunde sehen Stadtgeschichte als ihre besondere Aufgabe. Außer einer Stadtchronik über 1200 J., die noch nicht im Buchhandel erhältlich ist, haben wir wichtige und aktuelle Vorgänge bearbeitet. Zu diesen zählt die Frage nach Auswanderung aus Kettwig 1833-1923
Von Kettwig nach Missouri
Am 2.Juli 1999 besuchte Frau Kathryn Grogman aus West Hills, California, USA, unser Kettwiger Museum..
Am 2.Juli haben die Kettwiger Museumsfreunde Frau Grogman empfangen, und kurz darauf übersandte uns Mrs.Grogman eine amerikanische Familiengeschichte ihrer Vorfahren Steines aus Kettwig.
Einige wichtige Texte liegen anscheinend in der Ruhr-Universität Bochum. Dort sind in der Anthologie von Wolfgang Helbich "Amerika ist ein freies Land", Neuwied 1985, einige stark gekürzte Texte der Brüder Lehnhoff (1851-1893) aus Raadt zwischen Kettwig, Mülheim und E-Haarzopf publiziert worden, die 1851 nach Missouri auswanderten. Bei Helbich 1985 fehlen aber die Steines-Briefe und ihre Grundlage, die Bücher von Duden 1828 aus Wuppertal über die Ansiedlungsmöglichkeiten in den USA, vollständig.
Die Kettwiger Familie Steines
Friedrich Wilhelm Steines war Schuhmacher mit einem Häuschen neben dem "Treppchen" in der Hauptstraße am Markt. Das Haus wurde 1976 abgerissen und war zuletzt genutzt von Frau Manke und vorher von Blitz-Fritz Rohleff, dem Fotografen. Zum Haus gehörte ein Garten an der Neustraße, auf dem seit 1935-39 der Giebel des Rathauses mit dem Turm steht.
Der Schuhmacher Steines muss ein vielseitig interessierter und gebildeter Mann gewesen sein. Drei Söhne wanderten in die USA aus; die Tochter Christine war verheiratet mit dem Lehrer Friedrich Dellmann in Moers, der schon 1835 die Briefe seiner Schwäger dort publizierte.
1833 wurde der jüngere der beiden Brüder, Hermann Steines (7.6.1809 Kettwig - 14.8.1875 Tavern Creek), der in Wuppertal Pharmazie gelernt hatte, mit dem Kettwiger Schneider Adolph Greef (18.2.1807 Kettwig - 7.4.1883 Tavern Creek) auf eine Kundschafter-reise ausgesandt: Er sollte ermitteln, ob die Informationen des Wuppertaler Landwirts Gottfried Duden (1829) für die USA und insbesondere für den Staat Missouri zutrafen.
Hermann Steines dokumentierte seine Reise in Briefen an die Eltern. Die drei ersten Briefe kamen aus Bremen und Bremerhaven (30.4.1833 bis 17.5.1833) und enthalten bemerkenswerte Informationen über die Reise von Kettwig nach Bremerhaven mit einem Anhang über "Verträge zwischen Auswanderern und Kapitänen der Auswandererschiffe". Nach der Überfahrt schickte Hermann Steines seinen ersten Brief aus Baltimore (16.7.1833 mit P.S.17.7.) und schrieb ab dem 19.7.1833 Tagebuch, das bis Ende Juli 1833 reicht. Es enthält Notizen über die Reise von Baltimore nach Pittsburgh. Dann folgt ein Brief vom 8.11.1833 aus St.Louis,Mo., mit den ersten Fakten zum Auftrag, die Darstellung von Gottfried Duden zu prüfen. Dieser Brief umfasst im Druck allein 14 Seiten. Ein weiterer Kundschafterbrief des Adolph Greef an seine Verwandten folgt am 16.12.1833 aus St.Louis, und dann schreibt noch einmal Hermann Steines einen langen Brief vom 17.2.1834 an seinen Schwager Dellmann in Moers. Es folgen Tagebuchnotizen von Hermann 1834-1837, in denen unter dem 25.6.1834 von der Ankunft der Familie Friedrich Wilhelm Steines (des Vaters) und des Bruders Fred Steines in den USA berichtet wird. Das Tagebuch Hermanns hat dann eine Lücke von 2 Jahren.
Die kleine Kundschaftergruppe aus Kettwig
Außer den "Kundschaftern" Hermann Steines und Adolph Greef kamen bei der ersten Reise Frau und fünf Kinder von Greef mit. Zwei Kinder von Greef werden namentlich genannt: Ida, 16 Jahre, und Wilhelm, 13 Jahre (1833). Die Brüder Kochs aus Gelsenkirchen fuhren kurz vor Hermann Steines ab Bremerhaven (6.5.1833 mit "Columbus") , und die Familie Greef kam erst in Telgte hinzu, so dass offen ist, wer außer dem damals noch ledigen Hermann Steines aus Kettwig mitreiste.
Die große Auswanderergruppe aus Solingen
Der Lehrer Friedrich (Fritz/Fred) Steines (4.12.1802 Kettwig - 24.4.1890 Oakfield) wurde zum Anführer der großen Solinger Auswanderergruppe (153 Personen), die das amerikanische Schiff "Jefferson" unter Kapitän Marsteller anmietete und am 17.4.1834 von Rotterdam nach Amerika segelte. Fred Steines nahm dabei seine eigenen Eltern und seinen Bruder Peter (6.5.1805 Kettwig - 22.12.1834 Tavern Creek) nebst Familie mit. Zu dieser Solinger Gruppe gehörten Johann Herminghaus (gest. 15.1.1858 Oakfield) , vermutlich verheiratet mit einer geborenen Kirschbaum (gest. Oakfield 6.12.1851), der Schwager P. Kirschbaum, der Sohn Gustav Herminghaus (5.3.1820 Galkhausen - 18.11.1904 Fresno). Ferner waren dabei der Spirituosenbrenner Friedrich Braches (15.4.1807 Galkhausen- 30.7.1893 Gray Summit, Mo.), Schwiegersohn von Johann Herminghaus und Pionier des Weinbaus in Missouri, und ein weiterer Schwiegersohn, Lehrer Karl (Charles) Braches (25.2.1813 Galkhausen - 5.7.1889 Gonzales,Tex.). Gastwirt Friedrich Brüggerhof heiratete eine Schwiegertochter von Johann Herminghaus und starb 1870 in St.Louis ; Seidenweber Karl Paffrath (13.7.1810 Leichlingen - 11.3.1895 Melrose, Mo.) wurde bekannt als Gastwirt "Dutch Charlie" in "Dutch Hollow" und wurde Obsthändler,Weinhändler und Pionier des Obstbaus bei St.Louis. Lehrer Christian Hardt (16.3.1804 Ründeroth - 19.1.1886 Tavern Creek) war Schüler des berühmten Johann Friedrich Wilberg in Elberfeld gewesen und wurde der erste Lehrer in Tavern Creek. Henriette Kochs geb. Becker (geb.1.6.1819 bei Köln - 14.12.1900) war verheiratet mit dem Architekten J.Wilhelm F.Kochs (25.4.1805 Gelsenkirchen - 1.10.1898 Tavern Creek). Florens Kochs aus Gerlsenkirchen war der Bruder von Wilhelm und starb schon 1839; seine Witwe heiratete den Lehrer Christian Hardt. Ferner werden genannt: Zimmermann Franz Becker und die Familien Wahl, Lenz, Wirtz, Pohling, Halbach, Korff, Kurlbaum, Wengler, Delius, Meyer, Knobel, Merk, vermutlich alle aus dem Raum Solingen.
Es wird deutlich, dass diese große Reisegesellschaft vielfältig untereinander verwandt und verschwägert war. Den Verknüpfungen mit der rheinischen Reformpädagogik in Elberfeld (Wilberg) , Moers und Kettwig (Krummacher) sollte sorgfältig nachgegangen werden.
Von Friedrich Steines liegt eine vollständige Autobiographie von der Geburt am 4.12.1802 bis zu seiner Lehrertätigkeit in Neu-Löhdorf 1830 vor. Fred Steines wurde der Begründer des (deutschen ) Schulwesens in Missouri, nachdem er sich zuächst als landwirtschaftlicher Pionier bewährt hatte.
Die vollständige Fassung unter unseren Publikationen !
Die Lehnhoff-Briefe
Die folgenden Briefe der Jahre 1851 bis 1893 sind den Kettwiger Museums- und Geschichtsfreunden vom letzten Handwebermeister in Kettwig, Herrn Hermann Strenger, Pierburg, übergeben worden. Sie stammen aus dem Nachlaß der Familien Lehnhoff und Kreuselberg.
Der Lehnhoff in Raadt
Der Lehnhoff in der Brunshofstraße am Flughafen Essen/Mülheim ist einer der Urhöfe in Raadt. Er existierte schon um 1250, wenn auch nicht namentlich erwähnt, und wurde zwischen 1664 und 1812 zusammen mit dem benachbarten Ruschenkotten an die Familie Lehnhoff vergeben. Bei Auflösung des Hofesverbandes übernahm Johann Lehnhoff, verheiratet mit Anna Schäfermann, den Hof. Die Schwester von Johann Lehnhoff, Gertrud, verheiratet mit Eberhard Horbeck, übernahm den Ruschenkotten (Rossenbeck-Kotten). Eine weitere Schwester von Johann Lehnhoff, Anna Catharina (1800-1877), heiratete Johann Kreuselberg (1797-1852).
Die Auswanderer
Der einzige Bruder von Johann Lehnhoff, Wilhelm (1797-1887), wanderte mit seiner Familie (3 Kindern Heinrich, Wilhelm und Mina)und vielen weiteren Freunden und Verwandten (Rossenbeck, Krämer, von Söhnen, Kirschbaum) 1849 nach Amerika aus. Von seinem zweiten Sohn Heinrich stammt der erste Brief ; von seinem ersten Sohn Wilhelm Hermann (1825-1883) der zweite, dritte und vierte an Schreinermeister Hermann Kreuselberg, der 1888 die Pierburg erbaute ; von Wilhelm Lehnhoffs Frau Charlotte stammen die weiteren Briefe an Margarete Kreuselberg, verheiratet Strenger, Großmutter von Hermann Strenger, und an deren Bruder Friedrich Kreuselberg, Kinder des Hermann Kreuselberg.
Prof. Wolfgang HELBICH von der Ruhr-Universität Bochum sah die Briefe 1982 für das Amerika-Institut der Ruhr-Universität durch und veröffentlichte einen kurzen Auszug in seiner thematisch geordneten Anthologie "Amerika ist ein freies Land", 1985.. Wir sind mit Hermann Strenger der Meinung, dass die Gesamtheit der acht Amerika-Briefe so anschaulich und spannend ist, dass sich der (fast) vollständige Abdruck lohnt.
Vollständige Fassung unter den Publikationen der Museumsfreunde
Die Hegenbergs in Curitiba (Brasilien) 1923
1923 meldete die Kettwiger Zeitung: "-g: Auswanderung. Heute verließen zwei bekannte Kettwiger Familien Richard und Hugo Hegenberg unsre Stadt und unser armes Deutschland, um in Brasilien eine neue Heimat mit bessern Existenzverhält-nissen zu suchen. Die Auswanderer zählen zusammen 14 Personen, darunter eine Frau von 76 Jahren. Wir wir hören, wird ihnen in der neuen Heimat ein Stück Land überwiesen, das sie urbar machen müssen und das ihr unbestrittenes Eigentum ist. Angestrengte Arbeit wird ihrer warten, aber auch die Gewissheit, dass sie damit eine gesicherte Zukunft erwerben. Unsre besten Wünsche begleiten sie auf der langen Reise und in die neue Heimat. Ihre hiesige Besit-zung ist von einer auswärtigen Firma angekauft."
Hugo Hegenbergs Epos "Erinnerungen an unsern Wegzug von Deutschland."
1.
In Kettwig an der Ruhr, einer kleinen Stadt,
da wohnten einst fünf Familien,
die hatten die Geldentwertung und Besatzung satt,
drum zogen sie aus nach Brasilien.
2.
Sie dachten dort in den Urwald zu wohnen,
wo man nicht an Milliarden und Parteien denkt,
wo man pflanzt seinen Mais und schwarze Bohnen
und sich Herz und Gedanken mehr der Natur zulenkt.
47.
........
und als wir alles erzählt, wollt keiner mehr in den Urwald gehen.
48.
Nach reiflicher Überlegung und Aussprache vor Allen
Waren alle der Meinung, dort kann es uns nicht gefallen.
Wir wollen lieber auf den Großgrundbesitz leisten Verzicht
und arbeiten in der Stadt und leben einfach und schlicht.
49.
Wir fuhren dann nach Curityba mit der Bahn zurück,
bekamen hier Wohnung und Arbeit der Herr gab uns Glück.
Er sorgte für uns und half uns in jenen schweren Proben;
so wollen wir auch jederzeit Ihm danken und loben.
Die Hegenbergs haben in Curitiba Glück gehabt. Nach einiger Zeit konnten sie eine Bau- und Möbelschreinerei eröffnen. Das Paradestück, das sie mit einer Reihe großformatiger Urwaldfotos nach Kettwig schickten, war die Präsentation eines herrschaftlichen Treppenhauses für ein staatliches Militäramt, das sie gebaut hatten. Schon ein frühes Werkstattfoto noch aus Deutschland zeigt eine Spezialität der Firma: Die Herstellung von gedrechselten Treppenstöcken.
Die vollständige Fassung in unserer Mitgliederzeitschrift "Die Kettwiger 22" vom 9.2.2000.
